Offener Brief zum leidvollen Tod einer Ziege im Tierpark Lido Brixen

An die Verantwortlichen der Gemeinde Brixen,

an die zuständigen Stellen des Tierparks im Lido Brixen,

an alle Zuständigen, die für die Betreuung und Kontrolle der dort gehaltenen Tiere Verantwortung tragen,

sowie an die Bürger der Gemeinde Brixen,

Seit Februar 2025 hatten wir bei den Zuständigen wiederholt Bedenken und Sorgen zum Tierpark im Lido Brixen geäußert. Wir hatten im Rahmen mehrerer Gespräche wiederholt auf potenzielle Risiken und Versorgungslücken hingewiesen, Hilfsangebote und Lösungsvorschläge vorgebracht – und wir wurden zwar auch immer wieder angehört, aber wirklich ernst genommen damit fühlten wir uns nicht.

Auf tragische Art und Weise sehen wir uns in dieser Annahme nun bestätigt, denn zwischen dem 3. und 6. Mai 2026 musste eine dort lebende Ziege – der wir den Namen Bibi gegeben hatten – über mehrere Tage Qualen leiden. Qualen, die mehrfach an verschiedenen Stellen gemeldet wurden. Hilferufe, auf die nicht rechtzeitig reagiert wurde.

Bibi musste unnötig lange leiden – so lange, bis schließlich wir Tierschützer eingriffen und Hilfe holten.

Die Ziege Bibi wurde bereits in den Wochen vor Sonntag, 3. Mai, wiederholt mit einem starken Blähbauch gesichtet und bei Zuständigen gemeldet.

Am jenem Sonntag, 3. Mai 2026, aber bemerkten wir, dass sich ihr Allgemeinzustand auffallend verschlechtert hatte.

Ihr Bauch war bereits seit längerer Zeit auffällig stark aufgebläht. Mehrfach hatten wir darauf hingewiesen und es wurde uns wiederholt versichert, dass sie tierärztlich kontrolliert und versorgt werde.

An diesem Sonntag wirkte Bibi zusätzlich stark geschwächt. Wir beobachteten, dass sie Mühe hatte, überhaupt nur zu stehen. Sie stürzte mehrfach und hatte danach noch größere Mühe, sich wieder aus eigener Kraft aufzurichten. Zusätzlich fiel uns eine schwere Verkrustung und später eitrige Veränderung an ihrem rechten Auge auf.

Noch am selben Tag wurden zuständige Stellen und Dienste kontaktiert. Eine unmittelbare Versorgung vor Ort konnte trotz Bemühungen seitens der Zuständigen aber nicht mehr gewährleistet werden – eine tierärztliche Kontrolle musste auf Montag warten.

Am Montag, 4. Mai, dann wurde uns mitgeteilt, dass eine Untersuchung stattgefunden habe und eine Behandlung eingeleitet worden sei. Dennoch erreichten uns im Laufe des Tages weiterhin Hinweise, dass sich ihr Zustand weiter verschlechtert habe.

Als wir Bibi am Dienstag, 5. Mai, erneut sahen, kauerte sie sichtbar geschwächt im hinteren Bereich des Geheges. Sie konnte sich kaum noch bewegen und zeigte deutliche Zeichen von Schmerz und Schwäche. Dort, wo sie lag, hatte sie keinen Zugang zu Wasser oder Futter.

Trotz weiterer Kontaktversuche erhielten wir die Rückmeldung, man werde sich erst am nächsten Tag wieder um sie kümmern können. Um ihre Situation etwas zu erleichtern, steckten wir Äste mit frischen Blättern durch den Zaun und Bibi begann sofort zu essen.

Am Morgen des Mittwoch, 6. Mai, lag Bibi unverändert an derselben Stelle.

Und an ebenjenem Mittwoch richteten wir eine dringliche schriftliche Anfrage per E-Mail an mehrere zuständige Stellen mit Schilderung des Sachverhalts, mit Bitte um ein dringendes Treffen oder um die Befugnis, die betroffene Ziege in Obhut nehmen und gesund pflegen zu dürfen – doch keiner der Empfänger antwortete uns darauf.

Im Verlauf des Tages wurde uns mitgeteilt, sie sei nicht mehr im Außengehege zu sehen gewesen. Hinweise erreichten uns, dass sie sich im Stall befinden könnte, da man ihre Stimme von dort gehört habe.

Um dem auf den Grund zu gehen, trafen wir uns noch am selben Abend vor Ort und mussten feststellen, dass Bibi tatsächlich im Außenbereich des Geheges nicht mehr zu sehen war. Wissend um die Meldungen ihrer Rufe am Nachmittag, die uns erreicht hatten, fassten wir den Entschluss, über den Zaun zu klettern, um ins Innere des Stalls zu gelangen. Und der Anblick, der uns dort erwartete, machte uns alle fassungslos.

Bibi kauerte in derselben Stellung wie zuvor draußen und schaffte es kaum, überhaupt noch ihren Kopf aufrecht halten zu können. Sie schrie, zitterte am gesamten Körper und schien am Ende ihrer Kräfte.

Verglichen mit dem Zustand, den wir zuletzt am Dienstagabend gesichtet hatten, stand es deutlich schlechter um sie. In ihrem jetzigen Zustand konnte sie weder Nahrung zu sich nehmen, noch das Wasser, das ihr in einem Eimer zur Verfügung gestellt worden war, aufnehmen.

Bibi zeigte uns deutlich, dass sie litt und Schmerzen hatte und wir konnten und können nicht begreifen, wie eine solche Situation entstehen und bestehen konnte.

Wir versuchten umgehend, den behandelnden Tierarzt zu erreichen, aber ohne Erfolg.

Nach unzähligen weiteren Anrufen bei verschiedenen Tierärzten erklärte sich einer schließlich bereit, Bibi zu begutachten und ihr zu helfen.

Nach einer tierärztlichen Untersuchung vor Ort wurde ein hochkritischer Allgemeinzustand festgestellt. Eine realistische Aussicht auf Besserung bestand nicht mehr.

Bibi wurde daraufhin vom Tierarzt eingeschläfert und so von ihrem Leid erlöst.

Hätten wir an diesem Abend nicht eingegriffen, wer weiß, wie lange Bibi noch hätte leiden müssen, bis ihr endlich geholfen worden wäre.

Hätten wir allein auf die Worte und Zusicherungen der Zuständigen vertraut, wäre ein Tier in der Obhut der Gemeinde Brixen hinter verschlossenen Türen qualvoll gestorben.

Das, was Bibi widerfahren ist, darf sich nicht wiederholen.

Aber solange Zuständige und Entscheidungsträger weiter wegschauen und nicht zuhören, kann ein solcher Fall wieder vorkommen.

Würden wir nicht wiederholt für die Tiere sprechen, die in einem Tierpark leben, der nach wiederholten Angaben von den Zuständigen als eine vermeintliche Bereicherung für die Bevölkerung angesehen wird, würden Missstände wie dieser wohl weiter als Einzelfälle abgetan und in der öffentlichen Debatte ad acta gelegt.

Mehrfach wurden während und nach diesem Vorfall E-Mails geschrieben, Gespräche zur Aufarbeitung erbeten, Fragen und Forderungen gestellt und Sorgen geschildert.

Bis heute bleiben die zentralen Punkte dieser Anfragen unbeantwortet.

Deshalb sehen wir uns gezwungen, diesen Weg öffentlich zu gehen.

Nicht, weil wir Konfrontation suchen. Sondern weil wir der Überzeugung sind, dass das, was geschehen ist, nicht ohne Aufarbeitung bleiben darf und dass der Tierpark im Lido Brixen in seiner Form nicht artgerecht für die dort lebenden Tiere ist.

Denn dieser Vorfall wirft aus unserer Sicht einmal mehr dieselben Fragen auf, die wir wiederholt vorgebracht haben:

  • Warum werden diese Tiere in einem Park zwischen Nachtclub, Sportplätzen und neben einem Kinderspielplatz gehalten?
  • Welchen Zweck erfüllt ein unbeaufsichtigter, jederzeit öffentlich zugänglicher und unüberwachter Tierpark für die Bevölkerung?
  • Welche Werte vermittelt die Gemeinde Brixen mit der unsachgemäßen Führung dieses Tierparks seinen Bürgern und worin besteht hier ein Bildungsauftrag an die Bevölkerung?

Der aktuelle Vorfall steht aus unserer Sicht nämlich nicht isoliert im Raum.

Bereits in der Vergangenheit wurden wiederholt Sorgen und Hinweise zur Tierhaltung im Tierpark Lido Brixen geäußert. Dazu zählen Beobachtungen zu verletzten Tieren, toten Tieren, unklaren Zuständen sowie Fragen zur Organisation und Betreuung. Über ein Jahr lang wurden wiederholt Gespräche gesucht und Unterstützung angeboten. Tatsächlich verändert hat sich daraufhin aber so gut wie nichts.

Vor diesem Hintergrund fordern wir unter anderem:

  • die zwei verbleibenden Ziegen aufgrund ihres hohen Altersunterschieds sowie ihrer Dynamik untereinander von uns in ein artgerechtes Zuhause zu vermitteln, wo sie entsprechend ihres Alters und ihres Gesundheitszustands rundum versorgt werden können und ihnen so ein artgerechtes Leben bzw. einen würdigen Lebensabend ermöglichen zu können.
  • die drei dort lebenden Tiroler Hühner ebenfalls von uns in ein artgerechtes Zuhause zu vermitteln.
  • das Gehege, wo sich aktuell die verbleibenden zwei Ziegen und die drei Tiroler Hühner befinden, unverzüglich aufzulösen.
  • die Einstellung oder Umschulung eines Mitarbeiters oder mehrerer Mitarbeiter zum Tierpfleger, der/die sich ausschließlich um die Verpflegung der Tiere vor Ort sowie um die Säuberung, Instandhaltung und Gestaltung des Tierparks im Lido Brixen im Sinne der Tiere kümmern.
  • die Offenlegung des offenbar vorhandenen Tierregisters mit allen Ringen/Ohrmarken/Chipnummern (sowie auch jene ohne offensichtliche Kennzeichnung) der dort lebenden Tiere sowie deren Herkunft und deren Status Quo (wie in diesem Fall nun das Versterben des Tiers).
  • falls noch nicht vorhanden, die Aktualisierung des entsprechenden Tierregisters sowie eine detaillierte Auflistung ihres Gesundheitszustands und aktueller oder wiederkehrender Visiten und Behandlungen (z.B. Entwurmung, Medikamente, die verabreicht wurden, Daten der erfolgten Visiten, etc.)
  • die gesundheitliche und tierschutzrechtliche Überprüfung der Tiere und der Situation vor Ort seitens eines Expertenteams, das gemeinsam mit uns zusammengestellt wird, zur Analyse der aktuellen Gegebenheiten vor Ort sowie zur Verbesserung der aktuell gegebenen Haltung und Versorgung der Tiere.
  • die gemeinsame Zielsetzung, den Tierpark im Lido Brixen grundsätzlich aufzulösen und hingegen auf Aufklärung und Sensibilisierung der Bevölkerung zu investieren. Wir stehen dafür umgehend zur Verfügung und kümmern uns um eine rasche Vermittlung der Tiere in ein artgerechtes Zuhause, bringen die Erfahrung und Expertise unseres Tierschutz-Netzwerks ein und helfen, wo Bedarf herrscht (Veranstaltungs-Management, Vorträge, Werbekampagnen, etc.).

Diese und weitere Forderungen wurden den Zuständigen im Vorfeld dieses offenen Briefs auch via E-Mail vorgebracht. Lediglich auf eine der weiteren Forderungen, die hier nicht gelistet sind, wurde geantwortet, dies sei intern zu klären. Aber auf die zentralen Forderungen, den restlichen Inhalt ebenjener E-Mail sowie einer darauffolgenden E-Mail unsererseits wurde bisher nicht weiter reagiert.

Es wirkt auf uns so, als würde versucht, diesen Vorfall einfach "auszusitzen", bis sich die Wogen glätten.

Doch die Bevölkerung hat ein Recht darauf, zu erfahren, was im Tierpark Lido Brixen passiert ist und wieder passieren kann, wenn wir nicht hinschauen.

Die Bürger haben ein Recht darauf, Dinge zu hinterfragen und das Zusammenleben aktiv mitzugestalten – mit Sensibilisierung, Aufklärung und Bildung.

Und die Tiere im Tierpark Lido Brixen haben ein Recht auf ein artgerechtes Leben – ohne Leid, ohne Zwang und ohne uns Menschen als Unterhaltung zu dienen an einem fast vergessenen Ort am Rande der Stadt.

Denn in Zeiten von Bewusstseinswandel und Nachhaltigkeit ist ein Tierpark in dieser Form unserer Ansicht nach weder artgerecht für die dort lebenden Tiere noch zeitgemäß: Ein derartiger Tierpark erfüllt keinen erkennbaren Bildungsauftrag an unsere Bevölkerung und wird auch in keiner Form dem wachsenden Verständnis unserer Umwelt und den Bedürfnissen der Tiere gegenüber gerecht.

Und gerade deshalb verfassen wir diesen offenen Brief – denn dieser Brief richtet sich schlussendlich an Menschen.

An die Menschen, die Verantwortung tragen. An die Menschen, die Entscheidungen treffen.

An die Menschen, die wir einmal mehr dazu aufrufen, die Missstände zu erkennen, aufzuarbeiten und den Tierpark Lido Brixen zu schließen – zum Wohle der Tiere.

Wir suchen keine Eskalation, sondern Aufarbeitung.

Keine Vorwürfe ohne Gespräch, sondern Antworten auf konkrete Fragen.

Denn am Ende geht es nicht um Strukturen oder Zuständigkeiten.

Es geht um Tiere, die vollständig von menschlicher Fürsorge abhängig sind.

Und um die Frage, wie die Zuständigen und wir als Gesellschaft mit dieser Verantwortung weiter umgehen können, ohne, dass Tiere weiter darunter leiden müssen.

Gezeichnet, Tierschutzverein FAUNA

25. Mai 2026